{"id":172,"date":"2015-02-05T18:04:39","date_gmt":"2015-02-05T17:04:39","guid":{"rendered":"http:\/\/hobbykeller.spdns.de\/?p=172"},"modified":"2020-04-30T17:03:45","modified_gmt":"2020-04-30T15:03:45","slug":"synthetische-chf-darlehen-fuer-kommunen-und-das-hoffen-auf-bessere-zeiten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hobbykeller.spdns.de\/?p=172","title":{"rendered":"Verluste bei Zinsderivaten: Restrukturierung, aussitzen oder terminieren?"},"content":{"rendered":"<figure id=\"attachment_246\" aria-describedby=\"caption-attachment-246\" style=\"width: 256px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/hobbykeller.spdns.de\/wp-content\/uploads\/2015\/02\/light_candle.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-246\" src=\"http:\/\/hobbykeller.spdns.de\/wp-content\/uploads\/2015\/02\/light_candle.jpg\" alt=\"Bei Derivatverlusten bleibt immer noch die Hoffnung\" width=\"256\" height=\"171\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-246\" class=\"wp-caption-text\">Bei Derivatverlusten bleibt immer noch die Hoffnung<\/figcaption><\/figure>\n<p>Ob nun Unternehmens-Treasurer, private Investoren oder K\u00e4mmerer &#8211; wann immer ich mich \u00fcber Zinsderivate unterhalte, taucht irgendwann das Wort &#8220;Restrukturierung&#8221;\u00a0 auf.<\/p>\n<p>Was bedeutet eigentlich eine Restrukturierung, wie sie von Banken immer wieder gerne angeboten wird? Weshalb sollten Kunden bei derartigen Vorschl\u00e4gen genau hinschauen und worin bestehen die Gefahren? Welche Alternativen bieten sich zur Restrukturierung?<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<h1>Ausgangssituation vor der Restrukturierung<\/h1>\n<p>Anlass f\u00fcr eine Restrukturierung ist immer ein <strong>Altderivat<\/strong>, welches dem Kunden bislang deutliche Verluste in Form eines negativen Marktwertes beschert hat. Sitzt ein Kunde einmal auf einem verlustreichen Derivat, dann hat er drei M\u00f6glichkeiten:<\/p>\n<ol>\n<li>Terminierung: Er steigt aus dem Derivat aus und muss der Bank dann den negativen Marktwert in bar bezahlen. Im Gegenzug erlischen s\u00e4mtliche Zahlungsverpflichtungen aus dem Altvertrag f\u00fcr beide Parteien.<\/li>\n<li>Aussitzen: Der Kunde unternimmt gar nichts und hofft darauf, dass sich der Markt in Zunkunft so zu seinen Gunsten entwickelt, dass die bisherigen Verluste ausgeglichen werden. Vornehme Leute bezeichnen diese Option h\u00e4ufig als &#8220;Zuwarten&#8221;.<\/li>\n<li>Restrukturierung: Der Kunde l\u00f6st das Altgesch\u00e4ft auf, bezahlt aber nicht den negativen Marktwert. Stattdessen wird dieser negative Marktwert dann in einen neuen Abschluss &#8220;einstrukturiert&#8221;.<\/li>\n<\/ol>\n<h1>Terminierung<\/h1>\n<p>Bei professionellen Anlegern gibt es h\u00e4ufig eine &#8220;Stop Loss&#8221; Marke f\u00fcr jedes Gesch\u00e4ft. \u00dcbersteigt ein Verlust diese Marke, muss ein sofortiger Ausstieg aus dem Derivat erfolgen. Das mag bitter sein, denn durch den Ausstieg werden bisherige Verluste in Form des negativen Marktwertes und vergangener Zahlungen definitiv. Gleichwohl ist es die sauberste Variante, um sich aus einem Engagement zu l\u00f6sen, bevor (wie so h\u00e4ufig) noch h\u00f6here Verluste eintreten.<\/p>\n<p>F\u00fcr professionelle Bankh\u00e4ndler ist ein derartiger Ausstieg aus verlustbringenden Gesch\u00e4ften \u00fcbrigens Routine. Zu Beginn meiner H\u00e4ndlerkarriere sa\u00df ich im Handelsraum neben einem Prop Trader, der bei Erreichen seiner Stop Loss Marke nur lapidar anmerkte: &#8220;Could have been worse &#8211; could have been my own money.&#8221;<\/p>\n<p>Man k\u00f6nnte nun entgegnen, dass ein so unbek\u00fcmmerter Umgang mit einem Verlust von mehreren hunderttausend Euro ja geradezu skandal\u00f6s sei. Gleichwohl sch\u00fctzt diese Offenheit im Umgang mit Verlusten sowohl den H\u00e4ndler als auch die Bank davor, dass aus einem sechsstelligen Verlust ein achtstelliger wird. Dementsprechend haben die Banken sogar ein berechtigtes Interesse an einem emotionslosen Umgang mit Verlusten, die im Aufbau begriffen sind. In sog. &#8220;Limit-Vereinbarungen&#8221; m\u00fcssen die H\u00e4ndler u.a. unterschreiben, dass sie ab bestimmten Tagesverlusten die Position sofort glattstellen. Umgekehrt sind Skandale, in denen H\u00e4ndler Milliardensummen versenkt haben, immer\u00a0 auf die Missachtung der Limit-Vorgaben zur\u00fcckzuf\u00fchren.<\/p>\n<h1>\u00a0Aussitzen und Hoffen<\/h1>\n<p>&#8220;Aegroto, dum anima est, spes est.&#8221; habe ich vor langer Zeit im Lateinunterricht gelernt: Solange der Kranke lebt, bleibt ihm die Hoffnung.<\/p>\n<p>Das &#8220;Prinzip Hoffnung&#8221; hat gerade im Zuge der Aufwertung des Schweizer Franken wieder Hochkonjunktur. Denn etliche Darlehen sind als sogenannte <strong>synthetische Fremdw\u00e4hrungsdarlehen<\/strong> konstruiert worden, bei denen ein in EUR denominiertes Darlehen durch einen Zins-W\u00e4hrungs-Swap in ein CHF-Darlehen verwandelt wurde. Genau dieser Swap &#8211; urspr\u00fcnglich von den Banken als Instrument zur Senkung der Zinslast beworben &#8211; beschert privaten Bauherren (vornehmlich in S\u00fcddeutschland), Unternehmen und K\u00e4mmerern in der ganzen Republik nun herbe Verluste.<\/p>\n<p>Regelm\u00e4\u00dfig &#8211; nicht nur bei Zins-W\u00e4hrungs-Swaps sondern auch bei anderen Zinsderivaten &#8211; stellen mir Betroffene die Frage, ob denn ihre Derivate nicht wieder in die Gewinnzone kommen k\u00f6nnten, wenn der Markt sich zuk\u00fcnftig wieder zu ihren Gunsten entwickelt. Gerne wird darauf verwiesen, dass der Verlust ja bislang &#8220;nur auf dem Papier&#8221; bestehe und noch nicht realisiert sei. Das wirft gleich zwei spannende Fragen auf:<\/p>\n<ol>\n<li>Ist ein Verlust in Form des negativen Marktwertes eigentlich harmlos?<\/li>\n<li>Wie realistisch ist die Hoffnung, dass Derivatverluste durch eine m\u00f6gliche Marktdrehung in der Zukunft wieder ausgeglichen werden k\u00f6nnen?<\/li>\n<\/ol>\n<p>Auf beide Fragen ist die Antwort aus Sicht der gesch\u00e4digten Kunden leider ziemlich ern\u00fcchternd. Aber der Reihe nach&#8230;<\/p>\n<h2>Negativer Marktwert eigentlich kein Verlust?<\/h2>\n<p>Das erste gro\u00dfe Missverst\u00e4ndnis ist, dass ein negativer Marktwert ja eigentlich gar kein Verlust sei, weil er lediglich eine theoretische Gr\u00f6\u00dfe darstelle, die sich zuk\u00fcnftig noch \u00e4ndern k\u00f6nne. Ganz aktuell ein Statement aus der <a href=\"http:\/\/www.noz.de\/lokales\/osnabrueck\/artikel\/539550\/franken-aufwertung-kostet-osnabruck-7-3-millionen\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Neuen Osnabr\u00fccker Zeitung<\/a>, was in dieser oder \u00e4hnlicher Form landein, landaus zu h\u00f6ren ist:<\/p>\n<blockquote><p>Der Verlust steht bisher nur auf dem Papier. Er w\u00fcrde realisiert, wenn die Stadt die in Schweizer Franken aufgenommenen Kredite nicht verl\u00e4ngern w\u00fcrde. Aber daran denkt niemand, wie w\u00e4hrend einer Pressekonferenz am Dienstag deutlich wurde.<\/p><\/blockquote>\n<p>Derartige Halbwahrheiten werden auch gerne von Vertriebsmitarbeitern der Banken ge\u00e4u\u00dfert, wenn sie \u00fcber den negativen Marktwert besorgte Kunden beschwichtigen m\u00f6chten.<\/p>\n<p>Das ist insofern \u00fcberraschend, als die Vertriebler der Banken damit ihren Kunden empfehlen, sich genau so zu verhalten, wie es den H\u00e4ndlern der eigenen Bank durch die Limit-Vereinbarungen ausdr\u00fccklich verboten ist (s.o.). W\u00fcrde ein H\u00e4ndler ein Limit mit der Begr\u00fcndung missachten, dass es sich ja lediglich um einen negativen Marktwert aber keinen &#8220;echten&#8221; Verlust handele, w\u00e4re ihm die sofortige K\u00fcndigung sicher. <strong>Richtig ist vielmehr, dass eine professionelle Risikosteuerung von Zinsb\u00fcchern ausschlie\u00dflich auf Basis der Bar- bzw. Marktwertbetrachtung erfolgen kann.<\/strong><\/p>\n<p>Kundenseitig fallen derartige Beschwichtigungsversuche jedoch regelm\u00e4\u00dfig auf fruchtbaren Boden. Das liegt nicht etwa daran, dass die Kunden alle dumm sind oder sich der Realit\u00e4t verweigern. Vielmehr wirken folgende Faktoren:<\/p>\n<h3>Best\u00e4tigungsfehler<\/h3>\n<p>Ein verunsicherter Kunde nimmt Informationen, die seine \u00c4ngste zerstreuen bereitwilliger und unkritischer auf, als solche Informationen, die seine Sorgen best\u00e4tigen. In der kognitiven Psychologie wird dieses Ph\u00e4nomen als &#8220;<a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Best%C3%A4tigungsfehler\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Confirmation Bias<\/a>&#8221; bezeichnet.<\/p>\n<p>Verharmlost ein Vertriebler einer namhaften Gro\u00dfbank den Charakter des negativen Marktwertes, so liefert er dem Kunden genau das, wonach dieser im Unterbewusstsein gesucht hat. Dabei verdr\u00e4ngt der Kunde, dass auch der Vertriebler handfeste Gr\u00fcnde daf\u00fcr haben k\u00f6nnte, den Verlust in der Wahrnehmung des Kunden zu vernebeln:<\/p>\n<ul>\n<li>Es war i.d.R. der Vertriebler der Bank, der dem Kunden das nun verlustreiche Gesch\u00e4ft in der Vergangenheit nahegelegt hat.<\/li>\n<li>R\u00e4umt der Vertriebler den Verlust ohne weitere Besch\u00f6nigungen und Relativierungen ein, so risikiert er, dass der Kunde keine neuen Gesch\u00e4fte mehr abschlie\u00dft.<\/li>\n<li>Ggf. hat die Bank auch f\u00fcr sich selbst bei Abschluss eine so hohe Marge einstrukturiert, dass das Derivat fast zwangsl\u00e4ufig einen Verlust f\u00fcr den Kunden erzeugen musste.<\/li>\n<\/ul>\n<h3>Fehlende Vertrautheit mit Barwert-Konzept<\/h3>\n<p>Oftmals ist das Konzept der Barwertbetrachtung aus Kundensicht auch reichlich abstrakt. Dies beginnt damit, dass die meisten Kunden noch nicht einmal die M\u00f6glichkeit haben, den <a title=\"Bewertung von Zinsderivaten in Eigenregie\" href=\"http:\/\/hobbykeller.spdns.de\/?p=190\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Barwert eigenst\u00e4ndig zu ermitteln<\/a> und zu beobachten.<\/p>\n<p>Gerade bei \u00f6ffentlichen Haushalten kommt noch ein weiterer Aspekt hinzu. Die seit Jahrhunderten bestehende Tradition der kameralistischen Haushaltsf\u00fchrung hat daf\u00fcr gesorgt, dass Gebietsk\u00f6rperschaften ihren Haushalt in Kategorien von &#8220;Einnahmen&#8221; und &#8220;Ausgaben&#8221; im Rahmen des aktuellen Jahresfensters betrachten. Daran hat auch das Neue Kommunale Finanzmanagement wenig ge\u00e4ndert, was im Kern zwar die kommunale Haushaltsrechnung einem Unternehmensabschluss ann\u00e4hert, die viel wichtigere Barwertbetrachtung aber weitgehend au\u00dfen vor l\u00e4sst.<\/p>\n<p>Im Prinzip basiert daher ein Gro\u00dfteil der bankseitig unterbreiteten Vorschl\u00e4ge im Zins- und Schuldenmanagement \u00f6ffentlicher Haushalte weniger auf tats\u00e4chlichen Einsparungsm\u00f6glichkeiten sondern vielmehr darauf, dass ein veraltetes Rechnungswesen auf Seiten der Gebietsk\u00f6rperschaften gegen die analytisch \u00fcberlegene Barwertsteuerung ausgespielt wird.<\/p>\n<h3>\u00a0Pers\u00f6nliche Motive<\/h3>\n<p>Ein \u00d6konomiezweig, der sich als &#8220;Neue Institutionen\u00f6konie&#8221; bezeichnet (und bereits ein paar <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/George_A._Akerlof\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Nobelpreistr\u00e4ger<\/a> aufbieten kann), zeigt noch einen weiteren Faktor auf, der die Legendenbildung vom harmlosen &#8220;Papierverlust&#8221; beg\u00fcnstigt. Jemand, der von einem Kollektiv wie etwa Aktion\u00e4ren oder Steuerzahlern als Finanzvorstand, Minister oder K\u00e4mmerer mit der Betreuung eines gemeinsamen Verm\u00f6gens beauftragt wurde, k\u00f6nnte\u00a0 ein Interesse an der Verharmlosung eines negativen Marktwertes haben, weil er bef\u00fcrchtet, ansonsten pers\u00f6nlich daf\u00fcr verantwortlich gemacht zu werden.<\/p>\n<p>In diesem Sinne w\u00e4re die Verbreitung der Legende vom &#8220;harmlosen Papierverlust&#8221; ein klassisches <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Prinzipal-Agent-Theorie\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Prinzipal-Agent-Problem<\/a>. Ich habe anfangs geglaubt, dass dieser Sachverhalt die verharmlosende Darstellung am st\u00e4rksten beg\u00fcnstigt. Nach etlichen Gespr\u00e4chen mit gesch\u00e4digten Kontrahenten bin ich jedoch \u00fcberzeugt davon, dass es vielmehr die ersten beiden Faktoren sind.<\/p>\n<p>Einerseits hat die Vielzahl der Klagen Derivatgesch\u00e4digter in den letzten Jahren dazu gef\u00fchrt, dass etwaige Interessenkonflikte der beratendenden Banken als Verursacher und nicht etwa der K\u00e4mmerer und Unternehmenstreasurer als Repr\u00e4sentanten der Gesch\u00e4digten im Vordergrund stehen. Zudem sind sich die Verantwortlichen der gesch\u00e4digten Kundenseite regelm\u00e4\u00dfig der Tatsache bewusst, dass sie mit ihrer T\u00e4tigkeit auch einer Verm\u00f6gensbetreuungspflicht unterliegen. Ignorieren sie vors\u00e4tzlich Sch\u00e4digungen dieses ihnen anvertrauten Verm\u00f6gens, so laufen sie &#8211; selbst ohne eigene Bereicherungsabsicht &#8211; Gefahr, eine Straftat nach <a href=\"http:\/\/dejure.org\/gesetze\/StGB\/266.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">\u00a7 266 StGB<\/a> zu begehen.<\/p>\n<p>Dabei d\u00fcrfte die Geld- oder Freiheitsstrafe, die f\u00fcr Untreue winkt, nicht einmal die schlimmste Gefahr f\u00fcr die Verantwortungstr\u00e4ger sein. Viel brisanter ist die Aussicht, im zweiten Schritt zivilrechtlich f\u00fcr die entstandenen Derivatverluste in Regress genommen zu werden. Wer sich f\u00fcr diesen Weg entscheidet, legt also freiwillig seinen eigenen Kopf f\u00fcr den der Bank auf das Schafott.<\/p>\n<h2>Aussicht auf R\u00fcckkehr in die Gewinnzone<\/h2>\n<p>Kommen wir nun zum zweiten Aspekt: Ist die Hoffnung realistisch, dass der Markt sich irgendwann wieder so dreht, dass zumindest eine &#8220;schwarze Null&#8221; als Ergebnis denkbar w\u00e4re? Gegen diese Hoffnung sprechen gleich mehrere Gr\u00fcnde:<\/p>\n<h3>Begrenzte Laufzeit des Derivats<\/h3>\n<p>Jedes Derivat hat zun\u00e4chst eine vorgegebene Laufzeit. Damit unterscheidet es sich z.B. von einem Aktienengagement. Jemand der 1999 zum Preis von 39,50 EUR Aktien der Telekom gezeichnet hat, kann sich zumindest damit tr\u00f6sten, dass er\u00a0 vielleicht zwar nicht mehr selbst, wohl aber sein Kind oder Enkelkind eines Tages wieder den Einstandskurs sehen wird. W\u00e4hrend ein klassisches Aktieninvestment einen praktisch unbegrenzten Anlagehorizont hat, den der Anleger nach eigenem Ermessen beliebig ausdehnen kann, enden die wechselseitigen Zahlungsstr\u00f6me aus einem Derivat zu einem festgelegten Zeitpunkt. Das Zeitfenster, welches f\u00fcr die Erholung bleibt, ist damit grunds\u00e4tzlich ein viel engeres &#8211; und das ist dann auch schon mal das erste Problem.<\/p>\n<h3>Abnehmender Hebel bei Markterholung<\/h3>\n<p>Mein Haupteinwand, gegen die Hoffnung auf Besserung ist jedoch ein anderer: 95% aller Derivate, die mir in meiner Zeit als Derivath\u00e4ndler auf den Operationstisch gekommen sind, sind mit Eigenschaften ausgestattet, die es dem Kunden extrem schwer machen, von einer sp\u00e4teren Markterholung zu profitieren. Zu solchen &#8220;Killer-Features&#8221; geh\u00f6ren insbesondere:<\/p>\n<h4>Amortisierendes Nominalvolumen<\/h4>\n<p>Oft setzen die Derivate auf ein sog. <strong>tilgendes Darlehen<\/strong> auf. Mit den entsprechenden Tilgungszahlungen sinkt dann aber auch das Nominal im Derivat ab. Hofft ein Anleger bei linearer Tilgung darauf, dass er in der zweiten H\u00e4lfte der Anlagelaufzeit die Verluste aus der ersten H\u00e4lfte wieder ausgleichen kann, so m\u00fcsste die erhoffte Erholung des Marktes in der verbleibenden Laufzeith\u00e4lfte \u00fcberschl\u00e4gig <strong>mehr als viermal so stark ausfallen<\/strong> wie die Bewegung, die in der ersten Laufzeith\u00e4lfte zum Verlust gef\u00fchrt hat &#8211; wohlgemerkt vom damaligen Einstandsniveau aus gerechnet.<\/p>\n<p>Jemand der 2005 einen 20-j\u00e4hrigen Zahlerswap mit linearer Amortisation abgeschlossen hat, br\u00e4uchte zur heutigen Halbzeit im Jahr 2015 Zinss\u00e4tze im deutlichen zweistelligen Bereich, um unbeschadet aus dem Gesch\u00e4ft auszusteigen.<\/p>\n<h4>Verzinsungseffekte<\/h4>\n<p>Es gibt zudem noch weitere Effekte, die das Ergebnis einer m\u00f6glichen Markterholung d\u00e4mpfen. Kaufleute werden an dieser Stelle anmerken, dass zuk\u00fcnftige Gewinne nicht 1:1 mit vergangenen Verlusten verrechenbar sind, weil die Verluste ja zinswirksam finanziert werden m\u00fcssen. Einfacher ausgedr\u00fcckt: Ein Euro, den ich vor 10 Jahren verloren habe, ist aufgrund der Verzinsung mehr wert als ein Euro, der mir erst heute oder in der Zukunft zuflie\u00dft.<\/p>\n<h4>Konvexit\u00e4t<\/h4>\n<p>Derivatanalytiker werden zudem darauf verweisen, dass die sog. Konvexit\u00e4t bei Zahlerpositionen ebenfalls gegen den Kunden arbeitet. Dahinter verbirgt sich grob gesprochen der Tatbestand, dass der Barwert eines Zahlerswaps bei einem Zinsr\u00fcckgang um 1 Bp st\u00e4rker f\u00e4llt als er bei einem Anstieg der Zinsen um 1 Bp steigt.<\/p>\n<h4>Bankseitig aus\u00fcbbare K\u00fcndigungsrechte<\/h4>\n<p>Fatal f\u00fcr den hoffenden Kunden sind zudem K\u00fcndigungsrechte, welche die Banken f\u00fcr sich selbst in das Derivat eingebaut haben. Vermarktet werden sie meistens mit dem Argument, dass sie den in einem Zahlerswap vom Kunden zu entrichtenden Festzins senken. Rein rechnerisch wird die Optionspr\u00e4mie, die die Bank dem Kunden f\u00fcr ein solches K\u00fcndigungsrecht zahlen m\u00fcsste gegen den Festzins, den der Kunde der Bank zahlen muss verrechnet.<\/p>\n<p>Mich hat bei derartigen Konstruktionen immer ein Schauder ergriffen &#8211; und zwar gleich aus mehreren Gr\u00fcnden:<\/p>\n<ul>\n<li>Derartige Optionsrechte sind f\u00fcr den Kunden noch schwieriger zu preisen als die (linearen) Swapkomponenten selbst.<\/li>\n<li>Bei amortisierenden Swaps m\u00fcssen solche K\u00fcndigungsrechte als sog. Bermudan Swaptions modelliert werden. Selbst die bankseitigen Rechen-Grids &#8211; die erheblich st\u00e4rker sind, als der \u00fcbliche Windows PC mit Core i7 Prozessor &#8211; ben\u00f6tigen f\u00fcr das Pricing oft Minuten. F\u00fcr digitale Rechenanlagen ist das eine kleine Ewigkeit und belegt, wie aufw\u00e4ndig die erforderlichen Pricing Algorithmen sind.<\/li>\n<li>Mit der faktisch unm\u00f6glichen \u00dcberpr\u00fcfbarkeit des Pricings f\u00fcr den Kunden ist der Bank T\u00fcr und Tor ge\u00f6ffnet, dass sie den Kunden nicht nur auf dem Swap-Gesch\u00e4ft sondern auch gleich noch einmal bei der Bewertung der K\u00fcndigungsoption \u00fcbervorteilt.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Der Haupteinwand gegen derartige K\u00fcndigungsrechte besteht aber darin, dass die Bank tendenziell gerade dann in die Lage versetzt wird, ohne Ausgleichzahlung aus dem Gesch\u00e4ft auszusteigen, wenn es sich endlich zu Gunsten des Kunden entwickelt. Selbst wenn also das zuvor dargestellte &#8211; \u00e4u\u00dferst unrealistische &#8211; Szenario einer ausreichenden Markterholung Realit\u00e4t w\u00fcrde, so w\u00fcrde es dem Kunden doch nichts n\u00fctzen, weil die Bank dann sofort ihr Recht auf einen Ausstieg aus dem Derivat aus\u00fcben w\u00fcrde.<\/p>\n<h1>Restrukturierung<\/h1>\n<p>Kommen wir nun zur letzten Handlungsoption bei Derivatverlusten. Wie bereits erw\u00e4hnt wird das Derivat im Rahmen einer Restrukturierung beendet. Im Gegensatz zur Terminierung zahlt der Kunde nicht den negativen Marktwert als Aufl\u00f6sungsbetrag, um aus dem Gesch\u00e4ft entlassen zu werden sondern schlie\u00dft ein Neugesch\u00e4ft ab.<\/p>\n<p>Bleibt die spannende Frage: Was ist eigentlich mit dem negativen Marktwert des Altgesch\u00e4ftes geschehen? Nicht selten suggerieren flei\u00dfige Sales Mitarbeiter der Banken ihrem Kunden, dass damit ja jetzt auch die unsch\u00f6nen Verluste aus dem Altgesch\u00e4ft &#8220;erledigt&#8221; seien. Der Kontrahent vertraut dieser Aussage dankbar.<\/p>\n<p>Was dem Kunden bei der Restrukturierung allerdings weniger lautstark vermittelt wird, ist dass die Bank dem Kunden nat\u00fcrlich nicht im Rahmen einer gro\u00dfz\u00fcgigen Werbungsaktion ein paar Millionen aus einem schlecht gelaufenen Altgesch\u00e4ft erlassen hat. Wahr ist vielmehr, dass sie den negativen Marktwert des Altgesch\u00e4ftes in den Neuabschluss einstrukturiert hat.<\/p>\n<p>Mit anderen Worten: Der Kunde schlie\u00dft ein Neugesch\u00e4ft ab, dessen Konditionen so massiv zu seinen Ungunsten abge\u00e4ndert worden sind, dass er von Vornherein wieder mit einem Millionenverlust in Form eines negativen Marktwertes startet.<\/p>\n<h2>Darf&#8217;s noch ein bisschen mehr sein?<\/h2>\n<p>Unerw\u00e4hnt bleibt meist auch die Tatsache, dass die Bank f\u00fcr eine Restrukturierung nicht selten erneut eine Eigenmarge einstrukturiert. Zu dem negativen Marktwert des Altderivats wird dem unwissenden Kunden also auch noch eine versteckte Abschlussmarge in seinen neuen Vertrag eingebaut.<\/p>\n<h1>If you are in trouble, double&#8230;<\/h1>\n<p>Damit das von Altverlusten belastete Neugesch\u00e4ft \u00fcberhaupt noch zu optisch unverd\u00e4chtigen Konditionen an den Kunden vermarktet werden kann und so etwas wie die vage Aussicht entsteht, dass das Gesch\u00e4ft eines Tages doch mit einer schwarzen Null beendet werden kann, ist es h\u00e4ufig n\u00f6tig, das Nominal zu erh\u00f6hen oder die Laufzeiten zu strecken, um eine Hebelung der sog. Duration zu erreichen.<\/p>\n<p>Gerade bei \u00f6ffentlichen Kontrahenten, die rechtlich bedingt immer als Festzahler agieren m\u00fcssen, bedeutet dies aber, dass dem Kunden erneut eine Positionierung empfohlen wird, deren Risikoexposition der des Verlustbringenden Altderivats \u00e4hnelt, nun jedoch st\u00e4rker gehebelt ist. Die schleichende Eskalation von immer h\u00f6heren Derivatverlusten \u00fcberrascht vor diesem Hintergrund nicht.<\/p>\n<h2>Griechenland als warnendes Beispiel<\/h2>\n<p>Eine interessante Parallele zu den Restrukturierungen, die gerade den K\u00e4mmerern eine dringende Warnung sein sollte, findet sich \u00fcbrigens in der Aufarbeitung der Griechenland-Krise. Hierzu liest man im <a href=\"http:\/\/www.handelsblatt.com\/unternehmen\/banken-versicherungen\/derivategeschaefte-wie-goldman-sachs-den-griechen-zur-seite-sprang\/3376400.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\" class=\"broken_link\">Handelsblatt<\/a>:<\/p>\n<blockquote><p>Bei dem Swap ging es darum, Schulden im Wert von rund zehn Mrd. Dollar, die in US-Dollar und in Yen denominiert waren, in Euro umzuwandeln. Dabei legte Goldman allerdings Wechselkurse zugrunde, die unter dem tats\u00e4chlichen Marktpreis lagen. Auf diese Weise kam die griechische Regierung in den Genuss einer hohen Einmalzahlung, die quasi einem Kredit von Goldman Sachs entsprach.<\/p><\/blockquote>\n<p>Die von Goldman entwickelte Struktur entsprach damit in allen wesentlichen Punkten der von mir geschilderten Restrukturierungspraxis: Eine dem Kunden einger\u00e4umte Einmalzahlung (bei konventioneller Restrukturierung der Erlass einer Aufl\u00f6sungszahlung) wird in ein lang laufendes Derivat einstrukturiert, indem die Gesch\u00e4ftskonditionen so marktfern zu Lasten des Kunden gew\u00e4hlt werden, dass der Kunde nicht nur die Einmalzahlung selbst sondern auch eine \u00fcppige Bankmarge \u00fcber die Laufzeit des Derivats abstottern muss.<\/p>\n<p>Auch die griechische Regierung war im Moment der Restrukturierung vermutlich erleichtert dar\u00fcber, dass ihnen findige Finanzmathematiker in der Londoner City dabei geholfen hatten, ihre Verbindlichkeiten einfach irgendwie in den Orbit zu schie\u00dfen. Rund zehn Jahre sp\u00e4ter, wurde dann klar, dass derartige Restrukturierungen leider doch keine K\u00fche sind, die im Himmel geweidet und auf Erden gemolken werden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ob nun Unternehmens-Treasurer, private Investoren oder K\u00e4mmerer &#8211; wann immer ich mich \u00fcber Zinsderivate unterhalte, taucht irgendwann das Wort &#8220;Restrukturierung&#8221;\u00a0 auf. Was bedeutet eigentlich eine Restrukturierung, wie sie von Banken<span class=\"more-button\"><a href=\"https:\/\/hobbykeller.spdns.de\/?p=172\" class=\"more-link\">Continue reading<span class=\"screen-reader-text\">Verluste bei Zinsderivaten: Restrukturierung, aussitzen oder terminieren?<\/span><\/a><\/span><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[4],"tags":[31,47,48,45,9,46,44,29],"class_list":["post-172","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-derivate","tag-barwert","tag-bestaetigungsfehler","tag-confirmation-bias","tag-kameralistik","tag-negativer-marktwert","tag-prinzipal-agent-problem","tag-restrukturierung","tag-zinsderivate"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/hobbykeller.spdns.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/172","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/hobbykeller.spdns.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/hobbykeller.spdns.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hobbykeller.spdns.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hobbykeller.spdns.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=172"}],"version-history":[{"count":28,"href":"https:\/\/hobbykeller.spdns.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/172\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1279,"href":"https:\/\/hobbykeller.spdns.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/172\/revisions\/1279"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/hobbykeller.spdns.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=172"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/hobbykeller.spdns.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=172"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/hobbykeller.spdns.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=172"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}