Site Overlay

Energiewende-Märchen im Gewand einer Wirtschaftlichkeitsrechnung

Band 2: Der “Akkudoktor”

Ich hatte vor 2 Jahren ja schon einen Beitrag zur Rentabilität ‘Erneuerbarer’ von Volker Loomann in der Frankfurter Allgemeinen Regierungszeitung rezensiert. Eigentlich hatte ich nicht damit gerechnet, dass mir noch einmal eine noch absurdere Investitionsrechnung zu den ‘Erneuerbaren’ von einem irgendwie ernst zu nehmenden Autor unterkommen würde. Dass es ausgerechnet der “Akkudoktor” sein würde, der …

  • unter Freunden der E-Mobilität und der Regenerativen geradezu einen Kultstatus genießt,
  • mit Abschlüssen in Informatik und Maschinenbau an der TH Köln und einer Promotion an der RUB durchaus über eine anspruchsvolle Expertise verfügt, um sich zu Energiethemen einzulassen,
  • und sich selbst rühmt, vom Bundestag als Sachverständiger angehört worden zu sein,

… hätte ich allerdings nicht erwartet. Aber der Reihe nach:

Was bislang geschah…

Wir schreiben Mitte Dezember 2024, und es läuft gerade nicht so mit der ‘Energiewende’. In der öffenlichen Berichterstattung finden sich Meldungen über eine ‘Dunkelflaute’, Nutzer mit variablen Stromtarifen posten auf Twitter Momentanentgelte von 130 ct/kWh.

Nur am Rande vermerkt: Wenige Tage später schleicht sich schon ein anderer Spin in die Berichterstattung: Nicht etwa die durch planwirtschaftliche Eingriffe verkorkste ‘Energiewende’ sondern finstere Spekulanten sollen für die Strompreisexplosionen der vergangenen Tage verantwortlich sein! Diesen Verdacht hat jedenfalls die Bundesnetzagentur, die praktischerweise von einem grünen Apparatschik geleitet wird und dem Ministerium des obersten – ebenfalls grünen – Energiewenders der Republik untersteht. Wer den Roman “Atlas Shrugged” von Ayn Rand gelesen hat, fühlt sich an das Kapitel des Winston Train Tunnel Desasters erinnert.

Sei’s drum – mich interessierte in diesen finsteren und windarmen Dezembertagen des Jahres 2024, ob – und falls ja was – der “Akkudoktor” Andreas Schmitz auf seinem Youtube-Kanal zum Thema Dunkelflaute zu vermelden hatte. Dazu gab es Mitte Dezember zwar noch keine Einlassung vom “Akkudoktor”, stattdessen beschäftigte sich sein jüngstes Video aber mit einer norwegischen Studie, laut der der deutsche Atomausstieg zu einer Vervielfachung der Stromkosten geführt habe:

Worum geht es?

Die Studie des Anstoßes

Dem “Akkudoktor” missfällt die WELT-Berichterstattung über die Studie, in der ein Professor der TU Trondheim zu dem Schluss kommt, dass man ohne Atomausstieg (und mit weiterem Zubau von Kernkraftwerken) …

  1. die Stromproduktion der vergangenen 20 Jahre zur Hälfte der Kosten der jetzigen ‘Energiewende’ hätte bewältigen können und…
  2. gleichzeitig eine Reduktion des CO2-Ausstoßes erreicht hätte, die gemessen am Ausstoß 2022 um 73% niedriger gewesen wäre.

Nicht dass es einer solchen Studie bedurft hätte. Es gibt ja mittlerweile schon Millionen Mikro-Feldstudien in Form von Stromrechnungen, die zumindest den ersten Punkt unmissverständlich bestätigen. Gleichwohl sind Feststellungen, dass etwas bei der ‘Energiewende’ ist, was nicht sein darf, für EE-Fetischisten natürlich eine Zumutung. Und so stürzt sich der “Akkudoktor” in den ‘Faktencheck’ wie der Stier aufs rote Tuch.

Dass er dazu sein gewohntes MINT-Fachterrain verlassen muss und sich zum hochnotpeinlichen Erklärbär in einer Disziplin – nämlich der Ökonomie – macht, von der er offenkundig keine Ahnung hat, scheint bei ihm nicht die Spur eines Selbstzweifels zu wecken.

Der ‘Faktencheck’ des “Akkudoktors”

Haupteinwand des “Akkudoktors” ist die Art, wie in der norwegischen Studie die Errichtungs- und Betriebskosten (Ökonomen würden hier von Lebenszykluskosten sprechen) der Stromgewinnungsanlagen ermittelt wurde. Nach seinem Dafürhalten dürfe man die an Betreiber von PV- und Windanlagen gezahlten Einspeisevergütungen nicht auf die Betriebskosten aufschlagen. Er verdeutlicht das an folgendem vereinfachten Beispiel:

  • um die PV-Anlage zu errichten (und zu betreiben, also eigentlich Investitions- und Betriebskosten über die Lebenszeit der Anlage) fallen für den Betreiber 20k EUR “Investitionskosten” an
  • über die voraussichtliche Betriebsdauer entstehen “Einnahmen” aus Stromverkäufen iHv 10k EUR
  • zusätzlich erhält der Betreiber über die Betriebsdauer staatliche Einspeisungsvergütungen iHv nochmals 10k EUR
  • laut Akkudoktor führt das dazu, dass sich im Endergebnis die Kosten auf 0 belaufen.
Beispielrechnung Lebenszykluskosten des “Akkudoktors”
Totale Unkenntnis ökomischer Grundbegriffe

Bereits an dieser Stelle beschleicht einen der Verdacht, dass der “Akkudoktor” von grundlegenden ökonomischen Zusammenhängen offenbar noch weniger Ahnung hat als ich vom Ohmschen Gesetz. Wenn man den Widerstand eines Bauelements in einer Stromschaltung ermitteln soll, aber weder die Definitionen von Spannung, Stromstärke und Widerstand noch den Zusammenhang dieser Größen kennt, dann wird das auch nichts mit der Bestimmung des Widerstands. Dasselbe gilt auch in der Ökonomie: Bevor man anfängt, irgendwelche Größen miteinander zu verrechnen, sollte man erst mal deren Bedeutung und Zusammenhänge kennen. Das holen wir jetzt schnell nach:

Irgendwann im frühen Vorstudium – so zwischen 1. und 3. Semester – lernt jeder BWLer, dass es im Rechnungswesen vier unterschiedliche Ebenen gibt:

  • es gibt die Veränderung der Barbestände, die sich aus der Differenz von Einzahlungen und Auszahlungen ergeben;
  • es gibt die Veänderung des Geldvermögens, die sich aus der Differenz von Einnahmen und Ausgaben ergibt;
  • es gibt ferner die Veränderung des Betriebsvermögens, die sich als Differenz zwischen Ertrag und Aufwand ergibt;
  • und schließlich gibt es noch die Veränderung des betriebsnotwendigen Vermögens, die sich als Differenz zwischen Leistung und Kosten ergibt.

Generell ist es keine besonders gute Idee, Größen aus verschiedenen Ebenen in einer Rechnung zu vermengen. In Ausnahmefällen geht es gut, meist geht es wie hier schief – was aber in diesem Fall egal ist, weil die Rechnung als solche vollkommen sinnbefreit ist.

Es fällt zudem auf, dass die Rechnung die Kosten verschwinden lässt. Man fängt oben irgendwo mit 20k EUR Investitionskosten an und unten kommt man zum Ergebnis, dass die Kosten über die Laufzeit 0 betragen. Das ist Quatsch. Kosten bleiben völlig unabhängig von anderen Größen immer als Kosten bestehen. Worauf Schmitz vermutlich hinaus wollte, ist das betriebliche Ergebnis über die Lebensdauer der Anlage – aber das sind dann halt die Leistungen abzüglich der Kosten und nicht die Kosten selbst.

In der Einleitung zur Rechnung erwähnt Schmitz zudem noch, dass besagte Studie eine “Cash-Flow Analyse” vorgenommen habe und versucht dann zu erklären, was das ist. Diesen Begriff hat er vermutlich in der Studie selbst (dort kommt 6 mal der Begriff “cash flow” vor) oder in irgendeiner Finanz-Postille aufgeschnappt. Auch davon hat er aber keine Ahnung, denn sonst hätte er gewusst, dass in eine Cash Flow Rechnung nur Größen der ersten Ebene – also Ein- und Auszahlungen – nicht jedoch “Einnahmen” und erst recht keine “Kosten” eingehen.

Inhaltliche Fehler des Faktenchecks

Weshalb ist die Rechnung per se sinnbefreit? Weil der “Akkudoktor” meint, dass es falsch sei, die 10k EUR (EEG-)Einnahmen auf die Investitionskosten zu schlagen. Einnahmen=Ausgaben, das gehe ja gar nicht. Durch diesen “Trick 17” blähe der norwegische Professor die Lebenszykluskosten der Anlage von 20k EUR auf 30k EUR künstlich auf.

Sapere aude!

Auch ohne Ökonomie-Studium kann man die Denkfehler in der Argumentation des Akkudoktors problemlos erkennen, indem man sich ein paar simple Fragen stellt:

  • Hätte der Betreiber die Anlage auch errichtet, wenn es die 10k EUR EEG-Vergütung nicht gegeben hätte?
    Bestimmt nicht, denn dann wäre er mit einem Verlust von 10k EUR aus dem Projekt herausgegangen.
  • Weshalb kann der PV-Betreiber seinen Strom eigentlich nicht zu 20k EUR am Markt absetzen und weshalb benötigt er überhaupt die 10k EUR EEG-Umlage?
    Weil andere – nämlich fossile und atomare – Stromgewinnungsanlagen den Strom zur Hälfte der Kosten erzeugen und der PV-Betreiber nicht in der Lage ist, seinen doppelt so teuer erzeugten Strom kostendeckend am Markt abzusetzen. Das vom “Akkudoktor” selbst gewählte Beispiel bestätigt damit gerade die Aussage der norwegischen Studie: Die Produktion des Stroms wäre mit Atomkraft zu deutlich geringeren Kosten möglich gewesen.
  • Was folgt daraus für Subventionszahlungen bei der Ermittlung der Betriebs- und Errichtungskosten für eine Anlage?
    Betriebs- und Errichtungskosten sind (wie der Name bereits sagt) alle Kosten, die für die Errichtung und den Betrieb einer Anlage entrichtet werden müssen. Es spielt dabei in der makroökonomischen Betrachtung keine Rolle, wer diese Kosten entrichtet.
    Elchtest: Gibt es niemanden, der diese Kosten aufbringen kann bzw. will, dann wird die Anlage auch nicht errichtet bzw. betrieben. Also: Wäre die Anlage entstanden, wenn der Staat keine EEG-Vergütung versprochen hätte? Nein, haben wir ja schon in der ersten Frage geklärt. Es handelt es sich also um lupenreine Betriebskosten.

Nebenbemerkung zur Aussage des “Akkudoktors”, dass man Einnahmen ja nicht so einfach als Ausgaben verbuchen könne: Ob etwas eine Einnahme oder Ausgabe ist, hängt natürlich von der Perspektive ab:

  • Man kann die Perspektive des Produzenten einnehmen, auf die der “Akkudoktor” sich hier ohne ersichtlichen Grund einfach mal fixiert hat.
  • Man kann die Perspektive des Staates (=Steuerzahlers) einnehmen, die der “Akkudoktor” zwar in seinem Vortrag erwähnt aber dann überhaupt nicht weiter verfolgt. Für den wären die Subventionen dann in der Tat Ausgaben.
  • Man kann außerdem die Perspektive des Konsumenten einnehmen, an die der “Akkudoktor” überhaupt nicht denkt.
“So FALSCH, dass es peinlich ist”

Die Berechnungen des norwegischen Professors sind damit nicht zu beanstanden, und das, was der “Akkudoktor” der norwegischen Studie entgegenhält, gilt leider für seine eigenen Ausführungen:

was hier passiert ist – er hat einfach diese, diese Sichtweisen einfach nicht kapiert – also da hat… da ist er irgendwie durcheinander gekommen anscheinend – oder das System, wie es hier funktioniert und … und das ist halt die einzig sinnvolle Analyse, die man hier machen müsste – das ist halt wirklich kompletter Unsinn – ähm um das noch mal ganz klar zu verdeutlichen

Die “richtige Sichtweise” wäre übrigens weder die isolierte Betrachtung aus Produzenten-Perspektive noch die isolierte Betrachtung aus Sicht des Fiskus gewesen, sondern eine “gesamtwirtschaftliche Wohlfahrtsanalyse”, die die alle 3 Akteure – Produzent, Staat und Konsumenten – mit einbezieht.

Der Titel, den Schmitz für sein Video gewählt hat, liefert somit – wohl vom “Akkudoktor” unbeabsichtigt – eine sehr treffende Bewertung seiner eigenen Ausführungen: “So FALSCH dass es peinlich ist”.

Fraunhofer ISI als Hort des Scientismus

Nach seinem kolossalen Unsinn fährt Schmitz fort und bringt das Fraunhofer ISI als Zeugen für seine Aussagen:

vielleicht ist es …ähm.. Euch noch zu abstrakt. Das Frauenhofer ISI hat jetzt hier noch mal ein ganz einfaches Beispiel genannt. Damit versteht man es wirklich. Noch mal wirklich ganz einfach…

So spricht ein wahrer Durchblicker. Und dann noch das Fraunhofer! Da denkt man sofort an Genies, die im Labormantel durch den Hörsaal laufen und mit Kreide wilde Formeln herleiten, die sich über 4 Tafeln erstrecken. Führen wir uns also die Fraunhofer ISI Erläuterungen mal zu Gemüte:

Die angebliche Fraunhofer Argumentation lautet wie folgt: Ein Student erwerbe ein Auto für 40 Monatsraten à 300 EUR = 12k EUR. Wenn die Eltern ihm nun 200 EUR monatlich zu seinen Raten hinzuzahlten und er nur 100 EUR Monatsrate tragen müsse, würde das ja auch nicht dazu führen, dass die Elternzahlungen (40 x 200 EUR = 8k EUR) noch einmal auf den Anschaffungspreis des Autos geschlagen würden und das Auto dann 20k EUR kosten würde.

Bei dieser Argumentation sollte man sich mal folgendes fragen: Welche Analogien ergeben sich zwischen dem “Akkudoktor”-Beispiel und dem Fraunhofer Beispiel?

Sachverhalt“Akkudoktor”-Bsp.Fraunhofer Bsp.
ProduzentPV-Anlagen-BetreiberAutohersteller
produziertes GutStromMobilität (in Form des Autos)
KonsumentStromkundenStudent
SubventionszahlerStaatEltern
  • Wir haben einen Autohersteller, der dem Betreiber der PV-Anlage entspricht. Statt Elektrizität bietet der Mobilität in Form eines Autos an. Das Auto bietet er für 40 Monatsraten à 300 EUR = 12k EUR am Markt an.
  • Wir haben einem Studenten, der die vom Autohersteller angebotene Mobilität in Form des Autos erwirbt, indem er 40 Monatsraten à 300 EUR = 12k EUR zahlt. Das entspricht dem Stromkonsumenten, der dem Windkraft-Betreiber den Strom für 10k EUR abkauft.
  • Wir haben die Eltern, die im “Akkudoktor”-Beispiel dem Staat entsprechen. Sie zahlen dem Studenten (=Stromkonsumenten) einen Zuschuss zu den Monatsraten (=10k EUR EEG-Vergütung).

Na, gemerkt, wo der Hütchenspieler-Trick stattgefunden hat…? Im Fraunhofer Beispiel zahlen Eltern=Staat dem Studenten=Konsumenten eine Subvention. Die Subvention fließt, weil der Student=Konsument sich das zu marktgerechten und kostendeckenden Preisen angebotene Auto nicht leisten kann (oder weil die Eltern einfach großzügig sind). Der Autohersteller als Produzent benötigt überhaupt keine Subvention, denn seine Produktionskosten sind so, dass er am Markt problemlos mit anderen Anbietern mithalten kann.

Anders im “Akkudoktor”-Beispiel: da zahlt der Staat die Vergütung nicht an den Konsumenten sondern an den Produzenten. Das muss er tun, weil die Stromproduktion mit der PV-Anlage teurer als mit konventionellen Anlagen ist und der Betreiber einen höheren Preis bräuchte, den kein Konsument zahlen würde, solange man noch günstigeren Strom der Konventionellen kaufen kann. Um seinen Strom abzusetzen, muss der PV-Produzent ihn am Markt zu einem nicht kostendeckenden Preis verkaufen, und der Staat gleicht dem Produzenten mit der Subvention den angefallenen Verlust auf Kosten der Allgemeinheit aus. Ohne diese Subvention würde kein Produzent freiwillig sein Geld in eine Anlage stecken, die noch nicht einmal die Lebenszykluskosten wieder einspielen kann. – Eine Tatsache, die der “Akkudoktor” natürlich mit keinem Wort erwähnt.

Noch einmal ganz ausdrücklich: die Zusage einer EEG-Vergütung für eine PV- oder Windkraftanlage ist das ultimative Eingeständnis des Staats, dass er selbst davon ausgeht, dass die Stromerzeugung mit der EE-Anlage kostenmäßig niemals am Markt gegen konventionelle Stromerzeuger mithalten kann.

Häufig kann man sich Subventionen noch damit schön reden, dass es sich ja lediglich um eine “Starthilfe” für irgendwelche investitionsintensiven Zukunftstechnologien handele, die dann später bei technischer Reife so viel kostengünstiger sind, dass man die Anschubfinanzierung locker zurück bekomme. Dieses “putting lipstick on a pig” klappt dann meist so lange, bis dann am Ende doch ersichtlich wird, dass Staat=Steuerzahler auf den Subventionen sitzen bleibt. Siehe Northvolt, SolarWorld, Mayer-Burger, um nur mal ein paar Beispiele aus dem grünen Wirtschafstwunderkasten zu nennen.

Aber noch nicht einmal diese Krücke kann man als vorübergehende Pseudo-Rechtfertigung für die EEG-Subventionen nutzen. Denn die EEG-Subventionen fließen ja gerade nicht als Anschub, sondern über die gesamte Lebenszeit der Anlage (und das sogar bei Stillstand!). MaW: Die Subventionen wurden ganz bewusst und ausdrücklich unter der Annahme kalkuliert, dass jede einzelne kWh Strom von der Inbetriebname einer EE-Anlage bis zu ihrer Verschrottung zu Kosten hergestellt wird, die über denen der konventionellen Stromerzeuger liegen.

Normalerweise wäre ich entsetzt darüber, dass ein Fraunhofer Institut entweder so eine dreiste Hütchenspielerei betreibt oder aber grottenschlechte Ökonomen beschäftigt, die noch nicht einmal fähig sind, eine zutreffende Alltags-Analogie für einen ökonomischen Sachverhalt zu konstruieren.

Wie es der Zufall will, habe ich in der Vergangenheit aber mal ein paar Papers eines mir aus der Schulzeit bekannten Ökonomen überflogen, der sich am Fraunhofer ISI verdingt hat. Seitdem weiß ich, dass das ISI eine grüne pseudowissenschaftliche Propagandamühle ist, die ständig Beiträge voll von inhaltslosem Wortgeklingel hervorbringt, z.B. so etwas wie: “The global impact of policy interactions on innovation capablities: Empirical evidence from the wind industry” – Das war jetzt einfach mal ein fiktiver Titel, den ich aus ein paar Buzzwords in den Titeln aus der tatsächlichen Publikationsliste neu zusammengesetzt habe. Sämtliche Papers lesen sich, als wären sie von einem Klimasekten-Fork des SCIgen vom MIT (“SCIgen is a program that generates random […] research papers, including graphs, figures, and citations. It uses a […] context-free grammar to form all elements of the papers.”) erzeugt worden.

Einem Javier Milei würde zum Fraunhofer ISI nur ein Wort einfallen: Afuera!

Weitere Falschbehauptungen und Auslassungen des “Akkudoktors”

Die Ausführungen des “Akkudoktors” enthalten noch weitere Unwahrheiten. So kritisiert er in seinem Video, eine weitere Schwäche der norwegischen Studie bestehe darin, dass sie nur mit starren punktuellen Schätzwerten und nicht mit Spannweiten arbeite. Sie könne damit nicht erfassen, dass es z.B. bei der Neuerrichtung von Kernkraftwerken mitunter Jahre lange Bauverzögerungen gibt. Dass dasselbe z.B. auch für die Errichtung von Stromtrassen gilt, die den Offshore-Strom von der Nordsee zu den Fabriken in Süddeutschland transportieren sollen, erwähnt er jedoch nicht. Als Beispiel, wie aussagekräftigere Kostenvergleiche aussehen können, blendet er eine Folie des Fraunhofer ISI ein, die jeweils in Form von Balken denkbare “Spektren” abdeckt, in denen sich untersuchte Größen bewegen.

Damit unterschlägt er allerdings, dass die norwegische Studie gerade solche Informationen enthält. Sie geht noch weiter und ordnet den Kostenschätzungen sogar Wahrscheinlichkeitsdichten für die jeweils möglichen Werte zu, die sich aus Monte-Carlo-Simulationsläufen für jede Alternative ergeben. So z.B. in Abb. 7 oder Abb. 9 der Publikation:

Es ist schwer vorstellbar, wie jemandem, der eine Promotion über mathematische Optimierungsverfahren verfasst hat, dieser Sachverhalt bei der Lektüre der Studie entgangen sein kann.

Über ein weiteres Detail verliert der “Akkudoktor” übrigens auch kein Wort. Die Quintessenz der norwegischen Studie bestand ja aus zwei Kernaussagen:

Erstens, dass die Stromerzeugung unter Beibehaltung/Ausbau der Atomkraftwerke zur Hälfte der Kosten möglich gewesen wäre, die im tatsächlich gewählten Atomausstiegs-Setup angefallen sind. An dieser Aussage hat sich der “Akkudoktor” vergeblich abgearbeitet.

Und zweitens, dass die Stromerzeugung auch mit einem geringeren CO2 Ausstoß möglich gewesen wäre. Dazu sagt der Akkudoktor jedoch nichts. Wir unterstellen mal zu seinen Gunsten, dass er dazu nicht etwa schweigt, weil ihm kein sinnvolles (oder zur Not auch unsinniges) Gegenargument eingefallen ist, sondern weil es ihm allein um die ökonomische Betrachtung ging.

Economics 101: Wie sieht eine sinnvolle Wirtschaftlichkeitsrechnung aus?

Der Eingangsfehler des “Akkudoktors” besteht darin, dass er überhaupt keine Vorstellung davon hatte, was er überhaupt ermitteln wollte. Jedenfalls jenseits von dem unbedingten Bedürfnis, irgendeinen Widerlegeungsbeweis gegen ein Paper zu führen, das ihm ideologisch nicht in den Kram passt.

Eine Wirtschaftlichkeitsrechnung ist immer eine Effektivitäts– und eine Effizienzbetrachtung. Einnahmen spielen aus gesamtwirtschaftlicher Sicht keine Rolle, vielmehr geht es darum, was alles zur Bereitstellung eines Gutes aufgebracht werden muss. Der Ökonom spricht hier vom Verbrauch an Produktionsfaktoren. So hat z.B. ein Leuchtturm überhaupt keine Einnahmen, gehört aber zu den kostengünstigsten und damit wirtschaftlichsten Navigationsmitteln, um Schiffen nachts auf See den sicheren Weg auf große Entfernungen zu weisen.

Schritt 1: Welches Ziel soll erreicht werden?

Ich muss zunächst festlegen, welches Ziel ich überhaupt erreichen will. Vorliegend könnte das sein: Bereitstellung von jährlich 600 TWh Strom. Dabei kann der Strom entweder mit verschiedenen Anlagen selbst produziert oder aus dem Ausland importiert werden. Als wichtige Nebenbedingung gilt noch: Die Stromnachfrage unterliegt starken Schwankungen, und es muss sichergestellt werden, dass die Nachfrage zu jedem Moment exakt befriedigt werden kann.

Schritt 2: Welche Lösungen sind effektiv?

Effektiv ist eine Lösung dann, wenn sie das erreicht, was erreicht werden soll. Ist eine Lösung nicht effektiv, dann kann sie verworfen werden, und eine Effizienzbetrachtung erübrigt sich.

Aufgrund der Nebenbedingung – jederzeitige Deckung der Stromnachfrage auch bei starken und plötzlichen Schwankungen, länger anhaltenden Extremkonstellationen usw. – ist eine allein auf regenerativen Stromquellen basierende Lösung als nicht effektiv zu verwerfen und kann nur dadurch gerettet werden, dass wir den Auslandsbezug von Strom (aus dann wohlgemerkt auch und vorwiegend nicht regenerativen Energien) erlauben.

Schritt 3: Ermittle für jede effektive Lösung die Effizienz

Die Effizienz einer Lösung ist definiert als Output-Einheiten pro Input Einheit. Es handelt sich also um einen Quotienten. Was wir als Output im Zähler des Bruchs haben wollen, kennen wir bereits aus Schritt 1: Wir wollen 600 TWh Strom pro Jahr.

Den Nenner, durch den wir dividieren müssen sind die annualisierten Lebenszykluskosten. Die sind je nach gewählter Lösungsalternative (Konventionelle, erneuerbare, Auslandsbezug) höher oder niedriger.

Als Divisionsergebnis erhalten wir eine Zahl, die die TWh angibt, die mit einem EUR erzeugt werden. Die Variante mit der höchsten Effizienz ist die, bei der wir für jeden eingesetzten Euro die meisten TWh herausbekommen. Das ist dann die wirtschaftlichste Produktionsform.

“Wissenschaftler des neuen Typus” in den Medien

Wo ist Popper?

Was mich schon während der CoViD-Zeit häufig verblüfft hat, ist der Allwissenheitsanspruch, mit dem viele Wissenschaftler der Öffentlichkeit gegenüber treten. Meist handelt es sich um Nachwuchs-Akademiker, die über durchaus ernst zu nehmende Abschlüsse in Medizin oder MINT-Fächern verfügen.

Haben die während all der Jahre, die sie im Bachelor-, Master- und Promotionsstudium an der Uni verbracht haben, niemals mitbekommen, dass die Grundvoraussetzung des wissenschaftlichen Arbeitens eine selbstkritische Sicht auf die eigenen Fähigkeiten zur Erkenntnisgewinnung ist? Dass die Fähigkeit zur Erkenntnisgewinnung naturgemäß umso stärker abnimmt, je weiter man sich mit seinen Untersuchungen vom eigenen Fachgebiet entfernt?

Wie kommt der “Akkudoktor” darauf, er könne mit seiner akademischen MINT-Vita eine gesamtwirtschaftliche Wohlfahrtsanalyse zur kostenoptimalen Energieversorgung stemmen, obwohl er offenkundig noch nie einen Blick in ein Ökonomie-Lehrbuch geworfen hat?

Üblicherweise – so war es jedenfalls bei mir – bekommen selbst BWL-Studenten irgendwann im Studium eine Minimaldosis Wissenschafts- oder Erkenntnistheorie verpasst. Dort lernt man dann, was eigentlich “wahr”, “falsch”, “Beweis”, “Widerlegung” usw. inhaltlich bedeuten und in welchem (Miss)verhältnis diese Termini zu alltäglich genutzten Begriffen wie ‘Wahrheit’, ‘Fakten’, ‘sicher’ usw. stehen.

Man lernt etwas über Hypothesentests und Karl Poppers kritischen Rationalismus. In Kurzform besagt der, dass es keine absolute Wahrheit gibt. Unter “erwiesenen Tatsachen”, mit der uns Nachwuchs-Wissenschaftler wie der “Akkudoktor” oder “Mailab” regelmäßig beglücken, versteht der kritische Rationalismus Hypothesen, die bislang (!) noch nicht widerlegt werden konnten. Der kritische Rationalismus rechnet aber ausdrücklich damit, dass die Widerlegung einer bislang nicht widerlegbaren Hypothese jederzeit erfolgen kann. Jede “Wahrheit” und alles “wissenschaftlich Erwiesene” ist also nur eine vorübergehende Wahrheitsvermutung auf Abruf.

Eine solche Demut in Bezug auf die eigene Erkenntnisfähigkeit stünde den Wissenschaftlern neuen Typus gewiss nicht schlecht zu Gesicht. Sie würde sie auch vor peinlichen Momenten bewahren, wenn sich rückblickend herausstellt, dass nicht sie die Durchblicker und die von ihnen beschimpften Kollegen die dummen Schwurbler waren, sondern dass es sich genau umgekehrt verhalten hat.

Modellrechnungen, Diagramme, Links

Der Wissenschaftler neuen Typus kann nicht zwischen Aktivismus und Wissenschaft unterscheiden. Er ist von der Vorstellung beseelt, dass Wissenschaft nichts anderes ist als ein Affirmationsinstrument für die richtige Haltung im Sinne einer – nämlich seiner – Ideologie. Insofern kann und darf für ihn Wissenschaft nicht ergebnisoffen an Fragen herangehen. Wissenschaftlich ist alles, was seine eigene Weltanschauung untermauert. Erkenntnisse oder auch nur Hypothesen, die diese Weltanschauung hinterfragen, sind unwissenschaftlich.

Galt Zweifeln spätestens seit Galileo als unerlässlicher Treibstoff der wissenschaftlichen Erkenntnis, so wischt der Wissenschaftler neuen Typus dies als Geschwurbel weg, das das Voranschreiten auf dem von ihm entworfenen Pfad in eine bessere Welt verhindert. Der Wissenschaftler neuen Typus verlangt vielmehr Folgsamkeit statt Diskussionen: “Follow the science!” – und was “sience” ist, weiß er natürlich am besten.

Aus diesem Grund ist der Wissenschaftler neuen Typus ständig auf der Jagd nach abweichlerischen Einlassungen, die es in ‘Faktenchecks’ ‘wissenschaftlich’ zu widerlegen gilt. Je offenkundiger dabei ein unliebsamer Sachverhalt für das Publikum bereits geworden ist, desto zahlreicher und wilder werden die pseudowissenschaftlichen Pirouetten, die der Wissenschaftler neuen Typs dreht, und umso schriller wird der Ton.

Da es bei Aktivisten mittlerweile zum guten Ton gehört, dass man von ‘Hatern’ beleidigt, besser noch bedroht wird, sollte auch der Wissenschaftler neuen Typus mindestens eine solche Episode im Angebot haben, von der er in jedem Interview berichten kann. Liebe AfD-Abgeordnete, die Ihr über beschmierte Hausfassaden, brennende Autos und mit Hammern zertrümmerte Knochen herumlamentiert: Ihr wisst gar nicht, wie gut Ihr es noch im Vergleich zum Wissenschaftlfer des neuen Typus erwischt habt, der ständig damit rechnen muss, irgendwie bedroht zu werden, nur weil er den Klimawandel thematisiert.

In seinen Vorträgen fährt der Wissenschaftler neuen Typs gern einen ganzes Schneegestöber von Diagrammen und Modellrechnungen auf, die er aus irgendwelchen Gigabyte-großen Datensammlungen herausdestilliert hat. In einem buntscheckigen Infotainment werden all diese Elemente dann mit lustigen Videomemes und Buzzern verquirlt.

Der Wissenschaftler neuen Typs postet emsig Links auf ‘Studien’, die er in anderen Posts seiner Blase gefunden hat. Es ist fraglich, ob sie überhaupt lesenswert sind – es darf vermutet werden, dass sie sich qualitätsmäßig auf Fraunhofer ISI Niveau bewegen. Aber er hängt sie auf jeden Fall in den Anhang seiner Youtube-Videos, um den Eindruck totaler Transparenz und Objektivität zu kultivieren.

Trotz dieser sorgfältig gepflegten Wissenschafts-Fassade fallen einige Formaldetails auf, die im genuin wissenschaftlichen Arbeiten als vollkommen unwissenschaftlich gelten würden: So setzt er in den Titeln seiner Videos mindestens ein meist emotional aufgeladenes Schlüsselwort wie z.B. FALSCH, WAHRHEIT oder LÜGE in Großbuchstaben. Man stelle sich mal vor, der “Akkudoktor” hätte das auch beim Titel seiner Promotionsarbeit getan.

Er betont zwar immer wieder seine Unabhängigkeit und seine Neutralität. Gleichwohl ist es nicht unüblich, dass der Wissenschaftler neuen Typs irgendwann im Video mit gekünstelter Geschmeidigkeit zu einem Werbepartner, neuhochdeutsch Video-Sponsor, überleitet. In der ganz überwiegenden Zahl der Fälle ist tatsächlich kein Interessenkonflikt im Zusammehang mit dem Beitrag erkennbar. Das aber führt dann zu so skurrilen Situationen, dass der Wissenschaftler neuen Typs völlig unauthentisch Produkte bewirbt, von denen man sich im Leben nicht vorstellen kann, dass er sie tatsächlich benutzt oder erwerben würde.

Unfreiwillig komisch wird es im Falle des “Akkudoktors” übrigens, wenn er seinen fachlichen Werkzeugkasten dafür einsetzt, um z.B. die Zuschauer die Vorzüge einer Bettmatratze, Typ “Elite”, des Herstellers und Videosponsors “Emma” (mit Rabattcode AKKUDOKTOR zum Spottpreis ab 629 EUR inkl. Versand) zu demonstrieren:

Quelle: https://www.youtube.com/watch?v=WqCyE_rpuas

Man könnte sich fragen: Wenn sich mit Hilfe des ‘wissenschaftlichen’ Toolkits des “Akkudoktors” sogar x-beliebige Bettmatratzen als technologischer Durchbruch abfeiern lassen – ließe das dann nicht auch gewisse Rückschlüsse auf die Verlässlichkeit der mit demselben Toolkit gewonnenen und präsentierten Aussagen in den fachlichen Videoteilen zu…?